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“Allons, élèves!”

Warum ein Französischkurs bei Nizza kein Urlaub ist, aber trotzdem Spaß macht von Jon Christoph Bernd

Zurück auf die Schulbank, mit 34 Jahren? Zum Französischlernen? Warum tut man sich das an? Ganz einfach, Vier Wochen an die Côte d’Azur, Institut de Français. Wie man hört, eine der besten Schulen; leider ist sie auch die teuerste – gut 3000 Euro mit Frühstück, Mittagessen und Unterkunft.

Das verspricht ausgedehnte Sommerferien und Weiterbildung in einem. Besser kann man Geld nicht anlegen, sagt der Kopf. Der Bauch ist unentschlossen: Was, wenn die anderen viel besser sind? Wenn die Lust nachlässt und aus schönen Ferien Quälerei wird? Man wird sehen.

Im Gepäck nach Villefranche-sur-Mer, in dieses zauberhafte Dorf an der Bucht nahe Nizza, befinden sich außer den Strandsachen drei Lexika und vier Grammatik-Kompendien, neben Ausflugs- und Museumsführern das Notebook für die Hausaufgaben und der elektronische Übersetzer für die Hosentasche. Montagmorgen, neun Uhr, sitzen die neuen Sprachschüler mit großen Augen vor Madame Greko. Am Institut de Français ist die resolut-charmante Dame für den Unterricht zuständig. Bei der Einführung spricht sie englisch, ein letztes Mal. Dann geht es los mit dem Test, der Klasseneinteilung und der Überwindung aller Hemmungen.

1500 Vokabeln im Monat, dazu ein ordentliches Passé simple

Die Schüler werden aufgeteilt in débutants , intermédiaires und avancés . Am nächsten Tag sitzen sie im Kreis und sollen sprechen. Dabei können alle wenig. Vielleicht ein bisschen aus der Schule, aber das ist lange her. Die blutigen Anfänger sprechen kein Wort. Aber das ändert sich, die Lehrer zwingen sie. In den ersten Kreationen gestandener Geschäftsleute, Abteilungsleiter und Universitätsdozenten sind im besten Fall ein paar Verben und Pronomen, etwas Präsens und Futur, das Ganze garniert mit Kunstwörtern, englösisch und franzeutsch.

“Sprechen! Sprechen! Sprechen!”, predigt Madame Greko. Es geht um die “audiovisuelle Unterrichtsmethode”, die auf Hören, Verstehen und Wiedergeben basiert. Schreiben ist nicht so wichtig. Der klare Fokus liegt auf dem Alltag – gesellschaftlicher Umgang, Einkaufen, Telefonieren, sich unterhalten ohne viele Äähs und Hmms.

Von neun bis fünf schauen die Eleven Diafolgen mit gezeichneten Alltagssituationen – Einkaufen, Automieten, Telefonieren. Oder typische Morgenszenen: Aufstehen, Ankleiden und Frühstücken. Dazu läuft das Band mit typischen Sätzen auf Französisch: “Beeil dich!”, “Möchtest du ein Ei?”, “Wann kommst du heute Abend nach Hause?” Alle sprechen nach, bis es sitzt. Bis jeder weiß, was Seife, Waschbecken, Eier mit Schinken, Aktentasche heißt. Mitschreiben darf man nur, wenn der Lehrer es erlaubt.

In einem Monat soll in den Köpfen sein, was anständiges Französisch à l’Institut de Français ausmacht: 1500 Worte Basiswortschatz, ordentlich konstruiertes Passé simple, Futur proche und Conditionnel. Alles mutig artikuliert und professionell prononciert. Das gefällt dann auch den Einheimischen, beim Bestellen in der Brasserie oder am Fahrkartenschalter, wenn es um den Busfahrschein nach Nizza geht.

Das Institut de Français verspricht im Prospekt, dass sich “ein typischer absoluter Anfänger nach vier Wochen mit Leichtigkeit ausdrücken kann”. Alle müssen mitziehen, damit das wahr wird. Beim gemeinsamen Frühstück und während des Vormittags in der Klasse, inklusive einer Stunde Sprachlabor. Besonders die ist anstrengend: Die Sätze werden im Labor schnell vorgelesen und noch schneller wiederholt. Schaltet sich der Lehrer in die Leitung, gibt es Korrekturen satt.

Man wird nie in Ruhe gelassen. Zum mediterranen Mittagessen gibt es “Assiette de Taboulé” und hinterher “Cuisse de canard laqué au miel et au gingembre avec haricots verts poêlés et frites”. Französisch geht auch durch den Magen. Auf der Speisekarte dazu die grammatikalische Lektion des Tages – die Gegenwartsform von avoir (“haben”) mit dem negativen undefinierten Artikel. Und die Lehrer locken am Tisch: Wie war das Wochenende, wohin fahren Sie in Urlaub? Sprechen, sprechen, sprechen, zum Dessert gibt’s die Verbesserungen.

Nach einer Woche ist klar: Ferien sind das hier keine. Aber was es ist, macht Spaß, wenn man sich bedingungslos drauf einlässt. Beim Konjugieren und Deklinieren scheint das azurblaue Meer durchs Fenster, immerhin. Der Blick geht vom Hang hinunter auf die vielen kleinen Segler in der Bucht und gewaltige Ozeandampfer. Draußen im Garten wächst Wein zwischen Zitronenbäumen und Rosenbüschen. Also, bloß nicht aufgeben, die anderen sind schon viel besser!

Krister aus Bergen will international arbeiten, nach vier Jahren Unternehmensberatung bei der Boston Consulting Group in Norwegen, “am liebsten bei einer NGO”. Das berühmte INSEAD Institut in Fontainebleau bei Paris hat ihn zum MBA akzeptiert, gleich nach der Schule soll es losgehen. Vorher will und muss der 29-Jährige anständig Französisch sprechen. In den Pausen organisiert er draußen im Garten übers Handy die Ummeldung des Autos und die Wohnung in Fontainebleau. Da kann er richtig üben: “Ich freue mich schon, wenn nicht gleich aufgelegt wird.”

Die anderen sind Diplomaten, finnische EU-Parlamentarier in Straßburg, lettische Menschenrechtsanwälte, indische Afrika-Gesandte von Nestlé und Manager bei den Vereinten Nationen. 80 Leute aus 18 Ländern, zwischen Ende 20 und Anfang 70. Viele sind von ihren Firmen und Organisationen geschickt worden, weil sie weltweit unterwegs sind und nur Englisch neben der Muttersprache einfach nicht mehr reicht. Sie haben wenig Zeit und müssen schnell viel lernen. Andere haben Zeit im Überfluss, waren Broker in Manhattan und wurden gekündigt. Oder sie machen ein Sabbatical mit Station in Villefranche-sur-Mer.

Es gibt hier keine Schüler und Studenten, die nach ein paar Stunden Unterricht am Strand die Zeit totschlagen, bis die Discos in Monaco aufmachen. Das regelt schon der Preis. Wer hier ist, will wirklich etwas lernen. Und der eine zieht den anderen mit. Wenn einer abends in der Kneipe ins Englische verfällt, fallen die anderen über ihn her: “Parles Français!”

Wer nicht französisch spricht, muss in die Strafkasse zahlen

Alle wollen am Ende möglichst fließend sprechen. So unterwerfen sich die gestandenen Manager und Abteilungsleiter dem gestrengen Reglement: nur Französisch in den Schulgebäuden; wer Englisch, Finnisch oder Russisch spricht, zahlt in die Strafkasse. Kein Wein zu Mittag – unfranzösisch, aber leistungsfördernd. Keine Partys nach 22 Uhr, da ist Schluss mit Laisser-faire.

Anfangs sitzen die Geselligen nach dem Lernen noch bei Mike, dem Australier mit dem Internet-Café. Und im Open-Air-Kino gibt es seichte Komödien aus Paris. Langsam verstehen die Sprachschüler etwas, wenn sie jetzt lachen, wissen sie auch, warum. Doch nach acht Stunden Unterricht setzt man sich lieber mit letzter Kraft gleich an die Hausaufgaben.

Unwirklich ist das Leben hier. Aber schön, man fühlt sich wie ein Franzose auf Zeit. So einheimisch und dann doch wieder nicht. Man kennt sich beim Bäcker und im Eiscafé. Die Furcht vorm Subjonctif schwindet.

Aber allmählich kommt neue Angst hoch, davor, was nach dem Kurs werden soll. Wenn Maru aus Venezuela zurück ist in Washington und für die Weltbank nach Afrika reist. Wenn die Australierin Helen zurück ist bei der WHO in Genf und vielleicht den Französisch-Tag einmal pro Woche in ihrer Abteilung doch nicht wahr macht. Schon kursieren Tipps, welche Sprachschulen in Washington die besten und die effektivsten sind. In New York, Genf, Riga. Man schwört sich selbst und all den anderen: Es geht weiter – gleich nach der Rückkehr.

Wer wirklich Französisch lernen will und weiß, dass das wenig Urlaub und viel harte Arbeit heißt, der ist im Institut de Français gut aufgehoben. Das Versprechen aber, sich nach vier Wochen gut verständigen zu können, ist dehnbar. Die einen können es tatsächlich sehr gut. Bei anderen ist der Bauch auch am letzten Tag, wenn es das Diplom und ein Glas Champagner im großen Salon der Villa gibt, noch immer viel zu schnell. Da bleibt das richtige Adverb eben manchmal auf der Strecke.

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16. Dezember, 2017