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Wer auf Deutsch bestellt, zahlt

Straff organisierten Unterricht bietet das südfranz.sische Institut de Français. Die Belohnung: schnelle Erfolge und interessante Bekanntschaften

Von Juliane Lutz

Villefranche – das klingt nach Strandspaß, Pastis am Nachmittag und Jean Cocteau, der dort eine winzige Kapelle gestaltet hat. Natürlich eignet sich der kleine Ort zwischen Nizza und Monte Carlo wunderbar für einen Urlaub. Aber noch besser lässt sich dort, wo die Côte d’Azur noch schön und nicht durch Betonbauten verschandelt ist, Französisch lernen: am Institut de Français.

Es war die eigene Unzufriedenheit mitherkömmlichen Sprachschulen, die Jean Colbert und seine Frau 1969 auf die Idee brachten, in einer Villa in Villefranche eine bessere “école de langues” zu gründen. Der französische Wissenschaftler, der unter anderem das Radar für das Überschall-Flugzeug Concorde entwickelt hatte, setzte dabei auf die “total immersion” – das absolute Eintauchen in die französische Sprache. Und das bedeutet: hören und sprechen. Der Schüler soll schnell das gesprochene Wort verstehen und selbst sicher reden können. Worte in der eigenen Sprache sind tabu.

“Wer sich nicht daran hält, muss einen Euro Strafe zahlen”, verkündet bei der Einführung Der Pädagogischer Leiter Frédéric Latty. Sogar die Gärtner sollen angewiesen sein, hinter Büschen auf Verstöße zu achten. Einzige Ausnahme: der Ankunftstag. Da darf zum Frühstück noch “jam” oder “Butter” verlangt werden. Vor allem die zahlreichen englischsprachigen Schüler machen davon Gebrauch, bevor es gnadenlos heißt: “Parlez français.”

Insgesamt legen 79 Schüler aus 17 Nationen an einem sonnigen Tag Anfang April in der Villa einen Test ab, der sie auf acht Klassenstufen verteilen wird. Die meisten kommen aus den USA, Kanada, England und Australien. Aber auch Skandinavier, Schweizer, Deutsche und Neuseeländer wollen dort Französisch lernen. Zum Beispiel Bronwyn aus Wellington. Sie wird im Spätsommer einen Job als Attaché an der Pariser Botschaft ihres Landes antreten. Die 30-Jährige hat es gut: Ihre Regierung bezahlt fünf Monate Sprachurlaub, damit sich die Politikwissenschaftlerin auf ihren Posten vorbereiten kann. David dagegen, Arzt im Ruhestand aus Iowa, liebt die französische Sprache und ist bereit, für seine Passion einige Tausend Euro für einen Monat Unterricht auszugeben.

Das Institut de Français gehört zu den teuersten Sprachschulen in Frankreich. Dass sich die Investition lohnt, erfährt der “élève” gleich am nächsten Tag. Achteinhalb Stunden Französisch, straff organisiert, stehen jeden Tag auf dem Programm, davon gute sechs Stunden reiner Unterricht. Zeit zum Atemholen bleibt kaum. Doch im Gegensatz zum Schulunterricht will Langeweile einfach nicht aufkommen. Selbst der Verlockung, den Blick über den üppig mit Iris, Lavendel, Rosen, Tulpen, Jasmin und Orangenbäumen bepflanzten Garten oder auf das silbrig glänzende Meer schweifen zu lassen, geben die meisten selten nach. Denn den insgesamtneun Lehrern macht ihr Job Spaß, und sie bemühen sich jeden Tag aufs Neue, ihre Begeisterung für die Muttersprache weiterzugeben. Sylvie zum Beispiel, ein rotblondes Energiebündel aus Lyon, arbeitet seit neun Jahren am Institut. Im April – jeden Monat übernehmen die Lehrer andere Klassenstufen

– unterrichtet sie die weit Fortgeschrittenen, die “avancés deux”, und schafft es, ihre Schüler stets bei der Stange zu halten. Ihr gelingt es sogar, den Subjonctif, der sich im Schulunterricht als schrecklich schwierig ins Gehirn eingebrannt hat, weniger furchterregend wirken zu lassen. Mit ihrer forschhumorvollen Art nimmt sie Anne aus Philadelphia die Angst vorm Sprechen und erklärt Beata aus Karlsruhe die richtige Futurform.

Das Renommee der Schule zieht gute Pädagogen an. “Auf frei werdende Stellen bekommen wir zwischen 300 und 400 Bewerbungen”, erklärt Latty stolz. In Villefranche arbeiten daher die Besten. Sie führen ihre Schüler geschickt durch den Tag, der um 8
Uhr 30 mit einem gemeinsamen Frühstückbeginnt. Drei Mal wöchentlich eilen die Fortgeschrittenen noch vor Unterrichtsbeginn
in den “grand salon”, um zusammen mit einem Lehrer Nachrichten zu schauen und darüberzu sprechen. Von 9 Uhr an laufen die Köpfe in der “classe” heiß, wenn es darum geht, die Grammatik zu begreifen oder den Verlauf des vergangenen Abends sprachlich korrekt wiederzugeben. Abgerundet wird das Programm durch eine Stunde Unterricht in einem Sprachlabor und durch sogenannte “séances pratiques”, in denen Praktisches fürden Alltag vermittelt wird, zum Beispiel wie man ein Telefongespräch richtig führt.
Selbst während des “déjeuner” wird Konzentration abverlangt. An jedem Tisch wacht ein Lehrer über die Reinheit der Sprache und ermutigt Schüchterne zum Sprechen. Spätestens beim Tee gegen 17 Uhr sind die “élèves” erschöpft, dennoch erliegt kaum einer der Versuchung, in seine Muttersprache zurückzufallen. Die meisten bleiben einen Monat in Villefranche, doch bereits nach zwei Wochen zeigt die “total immersion” Wirkung. Es scheint plötzlich leicht, Pronomen zu verwenden oder komplizierte Fragesätze zu basteln. Und das ermutigt enorm. Doch Villefranche bietet neben der effektiven Lehrmethode noch einen Vorteil: Selten treffen an einem Ort so viele faszinierende Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Berufen und Kulturkreisen aufeinander. Da diskutiert der Schweizer Politiker mit der PR-Frau aus London. Und ein Japaner, der in Paris arbeitet, sitzt am Mittagstisch neben der Politikprofessorin aus Hawaii. Interessante Bekanntschaften ergeben sich nebenbei. Nicht nur große Unternehmen wie UBS, Delta Airlines, BASF oder Nestlé schicken ihre Leute an die Côte d’Azur, auch Politiker und Diplomaten sowie Professoren und künftige Studenten der Elite-MBA-Schule Insead treffen im Institut aufeinander. Selbst frankophile VIPs, wie die norwegische Königin Sonia – sie gab sich bereits zwei Mal mit Hofdame und Bodyguard die Ehre – oder Friseurtycoon Vidal Sassoon kommen gern. Da die Schule maximal 80 Schüler aufnehmen kann, sollte gerade für einen Aufenthalt während der Sommermonate lange im Voraus gebucht werden.

In Villefranche, wo die Côte d’Azur noch schön und nicht durch Betonbauten verschandelt ist, befindet sich eine der besten Sprachschulen des Landes.

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Villefranche-sur-Mer 7 °C
16. Dezember, 2017